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Pferdepflege

Das große Thema Pferdehaltung

Kaum ein Thema wird im Reitsport so groß diskutiert wie die richtige Haltung der Vierbeiner. Startet man dazu eine Umfrage, kommen dutzende verschiedener Antworten heraus und kaum jemand ist sich einig. Es existieren regelrechte Fraktionen, die von Ihrer Form der Pferdehaltung überzeugt sind und keine andere akzeptieren. Dabei gibt es keine einzig klare Antwort darauf, denn jedes Pferd und auch jeder Reiter hat seine ganz eigenen Bedürfnisse, auf die zu achten ist. Noch dazu gibt es die unterschiedlichsten Haltungsformen, die immer weiter ausgebaut und modernisiert werden. Damit du dich in dem Haltungsdschungel zurecht findest, haben wir für dich die häufigsten zusammengefasst. Außerdem stellen wir dir die wichtigsten Kriterien zur Auswahl vor und geben dir Tipps, worauf du bei der Wahl eines Stalles achten solltest.

Worauf es ankommt – höre auf dein Pferd

Die meisten Entscheidungen werden aus Bequemlichkeit für den Reiter getroffen. Dabei ist es das Pferd, das sich im neuen Zuhause rundum wohlfühlen sollte. Um das zu gewährleisten ist es wichtig, dass du dein Pferd genau kennst. Ist es ranghoch oder eher rangniedrig? Kommt es in Gruppen nachts zur Ruhe oder braucht es seine Box, um friedlich fressen und ausruhen zu können? Beobachte dein Pferd, wie es sich auf der Weide und im Stall verhält, um seine genauen Vorlieben und Bedürfnisse heraus zu filtern. Erst danach kannst du dir Gedanken um dich selbst machen. Fragen wie der Arbeitsaufwand und ob es im Winter etwas matschiger ist sollten absolut zweitrangig sein.

Auch die Frage ob Gruppe oder nicht lässt sich nicht pauschal beantworten. Manche Pferde fühlen sich in kleineren Konstellationen wohler, während andere auch in großen gemischten Herden gut leben. Nicht weniger wichtig ist das Geschlecht. Hengste werden grundsätzlich nicht mit Stuten oder anderen Hengsten gehalten. Hier ist der Kontakt mit rangniedrigen Wallachen eine gute Lösung. Es gibt aber auch Stuten, die sich grundsätzlich nicht mit anderen Stuten verstehen. Das führt langfristig zu starken Problemen und verhindert ein harmonisches Miteinander. Genau hier liegst du als Besitzer in der Verantwortung, die Eigenheiten deines besten Freundes genau zu kennen. Erst dann könnt ihr das perfekte Zuhause finden.

Die drei häufigsten Haltungsformen

Es gibt natürlich mehr als nur drei Möglichkeiten, ein Pferd zu halten. Wir erklären dir aber die drei häufigsten. Immer wieder sind auch Mischformen aus den Haltungsmöglichkeiten zu finden, um die optimale Balance für die Pferde zu finden.

Die Boxenhaltung

Pferde im Boxenstall

Eine der häufigsten Formen ist die Boxenhaltung. Diese wird auch groß kritisiert, was aber nicht immer sein muss. Bei der Boxenhaltung steht das Pferd in einer Box, die ein gewisses Mindestmaß haben sollte. Meistens finden sich mehrere Boxen nebeneinander und gegenüber und bilden so die Stallgasse. Bei der Boxenhaltung stehen die Pferde einzeln und haben je nach Stallbetreiber zu festen Zeiten Weidegang in der Gruppe. Bei den Boxen gibt es unterschiedlichste Bauarten von komplett vergittert bis offen, sodass die Pferde über die Trennwände Sozialkontakt pflegen können. Eine weitere Form der Boxenhaltung ist die Paddockbox. Hier grenzt an die Box ein kleiner Auslauf für jedes Pferd, auf welchem sie frische Luft schnappen und das Treiben auf dem Hof beobachten können. Auch Boxen mit Fenstern nach außen sind möglich, was für die Pferde gleich interessanter ist als die reine Innenbox. Boxen findet man vor allem auf Reitsportanlagen und auf Gestüten, da sie die Haltung von vielen Pferden gleichzeitig ermöglichen.

Die Vorteile der Boxenhaltung liegen vor allem darin, das Pferd individuell pflegen zu können. Du kannst also genau kontrollieren, was dein Pferd oder Pony frisst und auch die Gabe von Medikamenten fällt deutlich leichter. Außerdem kommen die Pferde nachts zur Ruhe und Futterneid ist kein Thema.

Der wesentliche Nachteil liegt in der mangelnden Bewegung und dem fehlenden Sozialkontakt. Daher ist es besonders wichtig, dass die Pferde mehrere Stunden am Tag Weidegang genießen dürfen und ausreichend bewegt werden. Im Winter sind Matschkoppeln essentiell, um auch hier den täglichen Bewegungsdrang vom Lauftier Pferd zu stillen. Werden diese Anforderungen nicht erfüllt, kann das Pferd Unarten wie weben oder koppen entwickeln. Dabei handelt es sich um Verhaltensstörungen, die durch Langeweile und Unmut hervor kommen. Andere Pferde beginnen an ihre Boxenwände zu treten oder werden schwerer zu händeln. Hier gilt es, den richtigen Grad zu finden und sein Tier genau zu kennen.

Der Offenstall

Pferde im Offenstall halten

Eine weitere stark verbreitete Haltungsform ist die Offenstallhaltung. Hier leben die Pferde meistens auf einem weitläufigen Paddock in kleinen Gruppen. Bei schlechtem Wetter oder nachts dient ein Unterstand als Schutz. Gegen Kälte und Insekten finden sich oft sogenannte Lamellenvorhänge an den Unterständen. Die Pferde entscheiden selbst, ob sie lieber draußen oder drinnen stehen möchten. Wichtig hierbei ist auf die richtige Gruppenkonstellation zu achten, um Stress unter den WG-Mitgliedern zu vermeiden. Die Pferde kommen kontrolliert auf die Weide und können sich dort austoben. Offenställe sind besonders bei Robustpferden beliebt und werden häufig von Privatpersonen betrieben, da es weitaus weniger anspruchsvoll ist als eine Reitanlage.

Der größte Pluspunkt liegt darin, dass die Pferde 24 Stunden Auslauf haben und dazu die Möglichkeit, ständigen Sozialkontakt zu pflegen. Offenstallpferde sind, wenn alle Komponenten stimmen sehr ausgeglichen und gut sozialisiert. Auch der Besitzer hat etwas weniger „Arbeit“, da das Pferd bewegt ist. Wenn dann einmal zwei Tage nicht gearbeitet werden kann, muss man sich je nach Pferdetyp nicht sofort nach einer Vertretung umsehen, sondern kann dem Vierbeiner bedenkenlos einen kleinen Urlaub gönnen.

Nachteilig ist vor allem die nötige Vorbereitung, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Das Gruppenklima muss stimmen, auch rangniedrige Pferde müssen in Ruhe fressen und liegen können und neue Pferde werden aufwendig in die Gruppe eingegliedert, was nicht immer einfach so funktioniert. Außerdem ist es schwer, das einzelne Tier zu kontrollieren was das Fressen angeht. Auch Medikamentengabe wird aufwendiger. Wenn ein Pferd verletzt ist, sollte immer eine separate Box zur Verfügung stehen. Das gilt auch für jeden aufkommenden Krankheitsfall. Auch die Machart des Offenstalls muss gut durchdacht sein. Die Pferde sollten auch im Winter nicht bis zu den Knien im Matsch stehen, denn das zieht wiederum Hufkrankheiten mit sich. Es ist also genaue Planung und laufende Organisation nötig.

Der Aktivstall

Aktivställe kommen immer mehr in Mode und sind sozusagen das Upgrade des Offenstalls. Trotzdem gibt es wesentliche Unterschiede. Ein Aktivstall ist großflächig angelegt und bietet Platz für große Herden mit durchschnittlich 20 Pferden. Das besondere Merkmal ist die Bauart. Die Pferde können sich wie im Offenstall auch ganztätig frei bewegen. Allerdings müssen sie weite Strecken zurücklegen, um zu Heu, Kraftfutter oder zum Wassertrog zu kommen. Somit wird das natürliche Verhalten des Pferdes als Lauftier befriedigt. Um in einer so großen Herde sicher zu stellen, dass jeder seine Menge an Kraftfutter bekommt, sind die Pferde mit einem Chip ausgestattet. Dieser wird zum Beispiel am Halfter oder am Fesselgelenk befestigt. Mit diesem Chip öffnet sich die Kraftfutterstation. Das Pferd kann herein und genau die auf dem Chip gespeicherte Menge kommt in den Trog. Der Aktivstall hat verschiedene Zonen. Es gibt oftmals große Liegehallen, Sandplätze zum wälzen und kleine Naturhindernisse, um die Pferde in Trittsicherheit zu schulen. Der Zugang zur Weide ist zu bestimmten Zeiten geöffnet. Die Pferde entscheiden dann selbst, ob sie auf die Wiese möchten oder nicht.

Der Aktivstall ist eine sehr fortschrittliche Form der Pferdehaltung und wird stetig verbessert. Die Pferde profitieren von natürlichen Bedingungen und können sich dank der weiten Flächen gut aus dem Weg gehen. Dank der Futterautomaten erhalten auch rangniedrige Pferde die nötige Menge an Futter und können ruhig fressen, ohne von anderen Pferden vertrieben zu werden. Diese Haltungsform ist auch hervorragend für junge Pferde geeignet, um artgerecht aufwachsen zu können. Aber auch ältere Kandidaten bleiben durch die ständige Bewegung lange fit und gesund.

Der größte Nachteil liegt für die meisten Halter im Preis. Aktivställe sind aufgrund ihrer Beliebtheit und der zahlreichen Vorteile für das Pferd sehr teuer. Automatische Einrichtungen müssen instand gehalten werden, was sich zusätzlich auswirkt. Wie beim Offenstall auch kommt der Nachteil der Konstellation hinzu. Es ist nie garantiert, dass die Haltung in einer so großen Herde funktioniert und es kann auch nach längerer Zeit zu plötzlichen Reibereien kommen. Ach und natürlich hat man eine Menge zu laufen, wenn man auf die Suche nach seinem Pferd geht. 😉

Egal, für welche Form du dich letztendlich entscheidest – es ist wichtig zu wissen, was die beste Lösung für DEIN Pferd ist. Zusätzlich kannst du das Angebot des Stalls erfragen. Gibt es eine Reithalle, einen Platz? Wie ist die Ausstattung? Erst wenn alle Faktoren für euch passen, kannst du auch beruhigt deinen Vierbeiner dort lassen und ihr fühlt euch beide wohl. Sprich auch ruhig mit den bisherigen Einstellern. So knüpfst du erste Kontakte. Das A und O in jeder Haltungsform ist Sauberkeit. Schau dir die Ställe und die Pferde die dort leben genau an. Wenn dir etwas Negatives auffällt, sprich es ruhig an. Vielleicht steckt ein tieferer Grund dahinter. Vielleicht erstellst du dir eine Liste mit allem, was dir an dem neuen Stall wichtig ist und was schön zu haben wäre. Anfangs kann  man ziemlich überfordert sein mit den vielen Informationen, die man bekommt. Schau dir außerdem immer mehr als einen Stall an und nimm dir eine Nacht Bedenkzeit, um einen direkten Vergleich zu ziehen und Unterschiede zu erkennen. Die richtige Haltungsform gibt es nicht – aber es gibt für jede Haltungsform das richtige Pferd.